Deutsche Patientenversion der Empfehlungen für das Management des Morbus Bechterew gemäß ASAS/EULAR
Empfehlung 1: Allgemeine Grundlagen
Die Behandlung des Morbus Bechterew (Spondylitis ankylosans) sollte auf den einzelnen Patienten zugeschnitten werden. Dabei sind zu berücksichtigen:
Empfehlung 2: Überwachung des Krankheitsverlaufes
Die Überwachung des Krankheitsverlaufs sollte sich am aktuellen Gesundheitszustand des Patienten orientieren. Diese schließt ein:
auf Grundlage von Experten-Empfehlungen (ASAS core set)3, 4.
Die Häufigkeit der Untersuchungen des einzelnen Patienten sollte sich nach den aktuellen Beschwerden, der Schwere der Krankheit und den Medikamenten richten.
Empfehlung 3: Behandlungsstrategie
Die optimale Behandlung des Morbus Bechterew erfordert sowohl5 den Einsatz von medikamentösen als auch von nicht-medikamentösen Therapieformen6.
Empfehlung 4: Nicht-medikamentöse Therapieformen
Die nicht-medikamentöse Behandlung des Morbus Bechterew sollte Aufklärung7 und Schulung des Patienten sowie regelmäßige Bewegungsübungen einschließen. Physiotherapie8 unter Anleitung durch qualifizierte Therapeuten, einzeln und in Gruppen, ist in Betracht zu ziehen.
Patientenorganisationen und Selbsthilfegruppen können hilfreich sein.
Empfehlung 5: Medikamentöse Therapie: Entzündungshemmer
Kortisonfreie Entzündungshemmer (nicht-steroidale Antirheumatika = NSAR9) sind bei Patienten mit Morbus Bechterew, die an Schmerzen und Steifigkeit leiden, in erster Linie einzusetzen.
Bei Patienten mit erhöhtem Risiko für Nebenwirkungen im Magen-Darm-Trakt gibt es zwei Möglichkeiten: zusätzlich ein Magenschutzmittel oder ein NSAR mit geringerem Risiko für solche Nebenwirkungen (COX-2-Hemmer10) zu nehmen.
Empfehlung 6: Medikamentöse Therapie: Reine Schmerzmittel
Schmerzmittel wie Paracetamol und Opiode11 (mit Opium verwandte Medikamente) können zur Schmerzlinderung eingesetzt werden, wenn NSAR
Empfehlung 7: Medikamentöse Therapie: Kortison
Das Spritzen von Kortison12 in entzündete Stellen ist in Betracht zu ziehen.
Der Nutzen einer Kortisongabe in anderer Form (z.B. Tabletten)13 ist nicht erwiesen, wenn nur die Wirbelsäule betroffen ist.
Empfehlung 8: Medikamentöse Therapie: sogenannte „Basismedikamente“14
Die Wirksamkeit von Medikamenten wie z.B. Sulfasalazin und Methotrexat ist bei alleiniger Wirbelsäulenbeteiligung nicht erwiesen.
Bei Gelenkentzündungen außerhalb der Wirbelsäule kann Sulfasalazin wirksam sein.
Empfehlung 9: Medikamentöse Therapie: TNF-alpha Blocker
Wenn die oben empfohlenen Behandlungen keine ausreichende Wirkung auf die Krankheitsaktivität zeigen, sollten TNF-alpha-Blocker gegeben werden. Dabei sind die Experten-Empfehlungen (ASAS)3 zu berücksichtigen.
Es ist nicht notwendig, vor oder während einer Therapie mit TNF-alpha-Blockern sogenannte Basismedikamente zu geben, wenn die Erkrankung sich auf die Wirbelsäule beschränkt.
Empfehlung 10: Operationen
Ein Hüftgelenksersatz sollte bei Patienten mit eindeutigem Nachweis eines Hüftgelenksschadens im Röntgenbild sowie nicht ausreichend behandelbaren Hüftschmerzen und/oder Behinderung in Erwägung gezogen werden. Dies gilt unabhängig vom Alter des Patienten.Operationen zur Aufrichtung und Stabilisierung der Wirbelsäule können im Einzelfall wichtig sein.
Kommentare zu den Empfehlungen
1 Andere Körperstellen Andere Stellen am Körper, wie z.B. Augen, Lunge, Magen-Darm-Trakt, Haut und Herz können sich ebenfalls entzünden.
2 Funktion Funktion wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht nur als reine körperliche Funktionsfähigkeit definiert, sondern beinhaltet auch individuelle und soziale Aspekte. Somit werden Verrichtungen des täglichen Lebens und deren Interaktion mit der Umwelt miteinbezogen.
3 ASAS = Assessment of SpondyloArthritis International Society: eine Gesellschaft, in der sich Experten für die Erforschung der Untersuchungs- und Behandlungsmethoden auf dem Gebiet der Spondyloarthritiden international zusammengeschlossen haben.
4 ASAS core set (Wörtlich Kernsatz): eine Auflistung der wichtigsten Punkte für die Datenerhebung beim Morbus Bechterew, d.h. der wichtigsten Untersuchungsmöglichkeiten, die zur Einschätzung der Krankheitserscheinungen hilfreich sein können.
5 Behandlungsstrategie Bei der Mehrzahl der Patienten ist eine Kombination aus medikamentösen und nicht-medikamentösen Therapieformen notwendig. Es gibt aber auch Patienten, bei denen ausschließlich nicht-medikamentöse Therapieformen, wie z.B. Bewegungsübungen, ausreichen.
6 Nicht-medikamentös Hiermit ist eine Behandlung ohne Medikamente gemeint. Dies kann z.B. Bewegungsübungen oder Gespräche beinhalten.
7 Aufklärung Beratung des Patienten durch den Arzt unter Berücksichtigung des Verhaltens im Alltag und verschiedener Therapiemöglichkeiten.
8 Physiotherapie Physiotherapie ist ein Oberbegriff sowohl für Bewegungsübungen als auch für Anwendungen mit elektrischen Strömen, Wärme und Kälte sowie Bädern und Massagen.
9 NSAR = Nicht-steroidale Antirheumatika: Medikamente, die ohne Kortisonanteil schmerzlindernd und entzündungshemmend wirken. Sie wirken über die Hemmung von Gewebshormonen (Prostaglandine) und können Nebenwirkungen im Magen-Darm-Trakt (z.B. Magengeschwüre) verursachen.
10 COX-2-Hemmer COX-2-Hemmer hemmen die Prostaglandinproduktion ähnlich wie die NSAR, hemmen dabei jedoch vor allem diejenige Unterform des Enzyms „Cyclooxygenase“, die an der Herstellung entzündungsfördernder Prostaglandine beteiligt ist. Dadurch treten etwas weniger Nebenwirkungen im Magen-Darm-Bereich im Vergleich zu sonst üblichen NSAR auf.
11 Opioide Opioide sind starke schmerzhemmende Medikamente, die Opium-ähnlich wirken. Sie werden zur Behandlung von starken chronischen Schmerzen eingesetzt. Opioide verursachen in der Regel keine Abhängigkeit, wenn sie zur Behandlung chronischer Schmerzen und unter sorgfältiger ärztlicher Überwachung angewendet werden.
12 Kortison Kortikosteroide sind starke antientzündlich wirksame Substanzen, die dem körpereigenen Hormon Cortisol ähnlich sind und die unter anderem gegen Entzündungen wirken. Daher sind sie sehr wirksam in der Unterdrückung des Immunsystems.
13 Art der Kortison-Anwendung Kortikosteroide können in verschiedenen Formen angewendet werden, z.B. als Tablette, Zäpfchen, Muskelspritze oder als Infusion. Nur das Spritzen von Kortison in entzündete Stellen, wie z.B. Gelenke oder Sehnenansätze hat sich beim Morbus Bechterew als nützlich erwiesen.
14 Basismedikamente Der Begriff „Basismedikamente“ wird unter anderem für Methotrexat und Sulfasalazin bei der Behandlung von Gelenkrheuma (Rheumatoide Arthritis) verwendet, weil sie aufgrund der langfristigen Wirkung die Basis der Therapie des Gelenkrheumas bilden. Bei der Behandlung des Morbus Bechterew ist der Begriff Basismedikamente irreführend, weil die langfristige Wirkung bei alleinigem Befall der Wirbelsäule nicht nachgewiesen werden konnte.
DGRh Geschäftsstelle, 02.11.2009