Kursiv gedruckte Textpassagen stellen fakultativ zu erarbeitende Sachverhalte dar!
Jede internistische Befunderhebung muss orientierende Fragen und Untersuchungstechniken zu krankhaften Veränderungen am Bewegungsapparat einschließen. Ein anamnestisches und klinisches Screening für rheumatische Erkrankungen ermöglicht der GALS-Test (Siehe Anhang!). Derartige Schnelltests dürfen jedoch niemals als Ersatz für eine rheumatologische Untersuchung dienen, wenn der Verdacht auf eine Erkrankung des Bewegungsapparates besteht.
1.1. Grundsätze der rheumatologischen Anamnese und Untersuchung:
1.2. Die Kernfrage: Wo liegt die schmerzauslösende Struktur?
Und für den Rheumatologen besonders wichtig: Schmerzursache Gelenk Siehe Punkt 1. 3 und ff.
1.3. Differenzierung von Gelenkschmerzen
Arthralgie oder Arthritis?
Arthralgie – oft unspezifisch, wenig richtungsweisend
Arthritis – das spezifischere Symptom!
Entzündliche oder degenerative Gelenkerkrankung?
Tab. 1 Leitbefunde bei Arthritis (entzündlich) versus Arthrose (degenerative Gelenkveränderung)
Arthritis | Arthrose | |
|---|---|---|
Schmerzen in Ruhe | Ja | nein |
Besserung durch Bewegung | Häufig | selten |
Schmerzmaximum | morgens, in Ruhe | abends, bei Belastung |
Morgensteifigkeit | ja, länger als 1 Stunde | „Warmlaufschmerz“ – 510 Minuten |
Anlaufschmerz | Seltener | Ja |
Besserung durch Wärme | Selten | häufig* |
Weiche Gelenkschwellung | Ja | nein* |
Knöcherne Gelenkverbreiterung | Nein | möglich |
Schmerzzunahme | Tage bis Wochen | Monate bis Jahre |
*Ausnahme aktivierte Arthrose, „Pfropfarthritis“
1.4. Charakterisierung von Arthritiden
Wer ist betroffen?
Altersabhängigkeit: Reaktive Arthritiden, rheumatoide Arthritis, Spondyloarthropathien und Kollagenosen können bereits bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen auftreten. Degenerative Erkrankungen, Gichtarthropathie eher bei älteren Patienten.
Geschlechtsabhängigkeit: Kollagenosen, rheumatoide Arthritis: Frauen deutlich häufiger betroffen. Gicht: Bei fertilen Frauen eine Rarität, bei Männern deutlich häufiger. Spondyloarthropathien: Männer und Frauen etwa gleich häufig betroffen.
Wie viele Gelenke betroffen?
Arthritiden werden nach der Zahl der betroffenen Gelenke eingeteilt (Tab. 2):
Symmetrischer oder asymmetrischer Befall?
Eher symmetrisch verlaufen die Arthritiden bei rheumatoider Arthritis und bei Kollagenosen, eher asymmetrisch bei Psoriasis arthropathica, anderen Spondyloarthropathien und reaktiven Arthritiden. Ausnahmen von dieser Regel sind nicht selten!
Tab. 2 Differentialdiagnose von Mon-Oligo-und Polyarthritiden. Achtung: Jede Polyarthritis kann als Mon- oder Oligoarthritis, jede Oligoarthritis als Monarthritis beginnen!
Monarthritis | Septische Arthritis, akuter Gichtanfall, aktivierte Arthrose Spondyloarthropathien (z.B. M. Bechterew) Juvenile idiopathische Arthritis |
|---|---|
Oligoarthritis | reaktive Arthritis Löfgren-Syndrom (akute Sarkoidose) Spondarthropathien (z.B. M. Bechterew) Psoriasis arthropathica Arthritis bei chron.-entzdl. Darmerkrankungen Lyme-Arthritis (Borreliose) Arthritis bei sytemischen Vaskulitiden Rheumatoide Arthritis Juvenile idiopathische Arthritis |
Polyarthritis | Rheumatoide Arthritis Arthritis bei Kollagenosen und Vaskulitiden adulter M. Still Rheumatisches Fieber Hämochromatose Chronische Gichtarthropathie Psoriasis arthropathica (polyartikulärer Verlauf) Juvenile idiopathische Arthritis |
Befall grosser oder kleiner Gelenke?
Verteilungsmuster der Arthritiden?
Viele Gelenkerkrankungen bevorzugen bestimmte Gelenkregionen (Tab. 3). Fragen Sie, wo die Arthritiden begonnen haben und wie der weitere Verlauf war!
Tab. 3 Häufig befallene Gelenkregionen bei ausgewählten Erkrankungen. Abkürzungen: MCP = Metacarpophalangealgelenke, PIP = proximale Interphalangealgelenke, DIP = distale Interphalangealgelenke, MTP = Metatarsophalangealgelenke
Befallsmuster | Erkrankung |
CP, PIP, MTP, Handgelenke | Rheumatoide Arthritis |
PIP, DIP | Heberden-/Bouchard-Arthrose |
PIP/DIP oder MCP/PIP/DIP im Strahl | Psoriasisarthritis |
Kniegelenk, Sprunggelenke | Reaktive Arthritis |
Oberes Sprunggelenk | Löfgren-Syndrom (akute Sarkoidose) |
Grosszehengrundgelenk, Mittelfuß, Kniegelenk | Akute Gicht |
Zeitliche Dynamik?
Begleitsymptome und Begleiterkrankungen? (Tab. 4)
Begleitsymptome können:
Tab. 4 Richtungsweisende Begleitsymptome bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen
Leitsymptom | hinweisend auf | Ursache von |
|---|---|---|
Dysurie, Balanitis circinata | Urethritis | Reaktive Arthritis (Chlamydienarthritis) |
Akute Diarrhoen | Kolitis, Enteritis | Reaktive Arthritis (z.B. Yersinien-Arthritis, Salmonellose) |
Chronische Diarrhoen Gewichtsverlust | Kolitis | Chronisch-entzündliche Darmerkrankung (M.Crohn, Colitis ulcerosa), M. Whipple |
Schuppende Erytheme Nagelveränderungen | Psoriasis | Psoriasis arthropathica |
Rachenrötung, Dysphagie, Fieber in der Anamnese | Eitrige Tonsillitis | Rheumatisches Fieber |
Zeckenbiss Erythema migrans in der Anamnese | Borreliose | Lymearthritis |
Knotige, schmerzhafte Hautrötung an Unterschenkelstreckseiten | Erythema nodosum | Akute Sarkoidose (Löfgren Syndrom) |
Subkutane Knoten über mechanisch belasteten Arealen | Rheumaknoten | rheumatoide Arthritis |
Girlandenförmige Hautrötungen | Erythema anulare | Rheumatisches Fieber |
Gelbsucht | Hepatitis A/B/C | Arthritis bei Hepatitis A/B/C |
Haarausfall, Tachykardie | Hyperthyreose | Arthropathie bei Hyperthyreose |
„Nierenkolik“ | Nephhrolithiasis | Hyperparathyreoidismus |
Ansprechen auf Vortherapie?
Ansprechen auf vorausgegangene Therapieversuche: kann u.U. Hinweise auf die Krankheitsursache geben: