Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie e.V.
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Entzündungszentren in Deutschland

 

Seit 2009 gibt es einen neuen Ansatz in der Diagnose und Therapie chronisch entzündlicher Erkrankungen wie z.B. entzündlichem Rheuma. In sogenannten Entzündungszentren werden entzündliche Symptome fachübergreifend begutachtet. Ausführliche Informationen lesen Sie im Text unten.

 

 

Adressen der Entzündungszentren

 

Entzündungszentrum Berlin

Leitung: Prof. Dr. med. Martin Zeitz
Campus Charité Berlin Mitte
Dermatologische Poliklinik Charité
Universitätsmedizin Berlin
Charitéplatz 1
10117 Berlin
Kontakt: 0151/2182-7058

 

 

Entzündungszentren Schleswig-Holstein

Exzellenzzentrum Entzündungsmedizin, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

www.inflammation-at-interfaces.de - Homepage Exzellenzzentrum Entzündung

 

Campus Kiel

Leitung:
Prof. Dr. med. Johann O. Schröder
Arnold-Heller-Straße 3, Haus V
24105 Kiel
Kontakt: 0431/597-5901

 

Campus Lübeck

Leitung:
Prof. Dr. med. Manfred Kunz
Ratzeburger Allee 160
23538 Lübeck
Kontakt: 0451/500-5844

Entzündung als Krankheit verstehen

 

Fachübergreifende Zusammenarbeit bei chronischen Entzündungen

 

Chronische Entzündungen sind Grundlage vieler Erkrankungen, die verschiedene Bereiche des Körpers wie Darm, Haut, Gefäße oder Gelenke befallen können. Sie heißen Morbus Crohn, Schuppenflechte, Asthma, rheumatoide Arthritis, Morbus Bechterew – und es gibt hunderte mehr. Betroffene haben sich bisher an dem schmerzenden Organ orientiert und sind zum entsprechenden Spezialisten gegangen. Wer an unterschiedlichen Körperstellen entzündliche Prozesse beobachtete, zum Beispiel eine entzündliche Darmerkrankung, eine Wirbelsäulen- und Augenent-zündung, hat demnach eine Reihe Fachärzte besucht. Seit Kurzem verbreitet sich aber in Deutschland eine neue Sichtweise, die das Entzündungsgeschehen und nicht die betroffenen Körperstellen fokussiert. In interdisziplinären Entzündungszentren werden die Gemeinsamkeiten der unterschiedlich lokalisierten entzündlichen Prozesse erforscht, in einem fachübergreifenden Ärzteteam Diagnosen gestellt und gemeinsame Therapieentscheidungen getroffen.

 

 

Interdisziplinäre Zentren in Kiel, Lübeck und Berlin

 

Im Mai dieses Jahres sind in Kiel, Lübeck und Berlin klinische Zentren für chronisch entzündliche Erkrankungen eröffnet worden. Professor Martin Zeitz, Direktor der Medizinischen Klinik für Gastroenterologie, Infektiologie und Rheumatologie und Hauptverantwortlicher für die Entzündungssprechstunde an der Berliner Charité erklärt diese Entwicklung: „Bei der Erforschung von Entzündungsmechanismen wurde uns immer klarer, dass die zugrundeliegenden Vorgänge im Körper sehr ähnlich sind, egal, ob sie sich im Darm, an der Haut oder in den Gelenken abspielen.“ Die Vernet-zung aller Spezialisten, die chronisch entzündliche Krankheiten behandeln, war also eine logische und notwendige Schlussfolgerung. Die Krankheiten sollen in den Zentren nicht nur früh erkannt und richtig behandelt, sondern auch ihre Ursachen erforscht werden. „Wir wollen entzündliche Abläufe von ihrer Biologie her untersuchen und verstehen, was sie antreibt, warum Entzündungszellen so aktiv sind und warum sie bestimmte Körperteile angreifen und andere nicht“, erklärt der Rheumatologe Professor Johann Schröder das Ziel der Entzündungsklinik in Kiel. Schröder ist Leiter des Exzellenzzentrums Entzündungsmedizin am Uniklinikum Schleswig-Holstein. In der norddeutschen Landeshauptstadt konnte im Rahmen des vom BMBF geförderten Exzellenzclusters Entzündungsforschung mit dem wissenschaftlichen Sprecher Professor Stefan Schreiber eine eigene Klinik eingerichtet werden, die acht Disziplinen unter ihrem Dach vereint: Gastroenterologie, Dermatologie, Pneumologie, Nephrologie, Rheumatologie, Kardiologie, Hepatologie und Endokrinologie. Auch auf dem Campus Lübeck wurde aus Mitteln dieses Clusters ein Exzellenzzentrum Entzündungsmedizin gegründet, das von Professor Manfred Kunz geleitet wird. Der Dermatologe und Venerologe lobt die neuen Strukturen: „Die Interaktionen zwischen den betroffenen Disziplinen können verbessert und zielgerichtet weiterentwickelt werden. Durch den persönlichen Austausch vor Ort fließen schneller mehr Informationen.“ In Berlin ist ein gemeinsamer klinischer Bereich aufgebaut worden, in dem die Dermatologische Klinik sowie die Klinik für Rheumatologie und Immunologie am Campus Mitte mit der Klinik für Gastroenterologie, Infektiologie und Rheumatologie am Campus Benjamin Franklin kooperieren.

 

 

Erleichterung für Patienten mit chronischen Entzündungen

 

In den Entzündungszentren sind alle Spezialisten für den Patienten vor Ort. Wenn mehrere Beschwerden vorliegen, besteht die Möglichkeit, an einem Tag alle mitwirkenden Ärzte zu sehen und die Symptome abklären zu lassen. So können die entzündlichen Manifestationen der Patienten in ihrer Gesamtheit erfasst und optimal behandelt werden. Bislang haben die verschiedenen Fachärzte zwar häufig ähnliche, mitunter aber auch unterschiedliche medikamentöse Therapien verschrieben, die im Zusammenwirken nicht immer die ideale Wirkung erzielten. Nun können gemeinsame Diagnosen und Therapieentscheidungen getroffen werden. Um einen Termin zu vereinbaren, ist eine Überweisung von einem Haus- oder Facharzt erforderlich. In Lübeck sollte eine Überweisung je Fachdisziplin erfolgen. Bislang sind die Angebote gut angenommen worden, Wartezeiten belaufen sich durchschnittlich auf drei bis vier Wochen. Bei akuten Befunden, die einer klinischen Abklärung bedürfen, werden zum Teil frühere Notfalltermine vergeben.

 

 

Erforschung entzündlicher Phänomene

 

„Wirklich neu ist außerdem, dass Wissenschaftler in die Zentren eingebunden sind“, freut sich Manfred Kunz. Projekte an der Schnittstelle zwischen Grundlagenforschung, Labor und Klinik erhalten in den Entzündungszentren einen wesentlichen Stellenwert. Die Entzündungskliniken in Kiel und Lübeck arbeiten auch für Forschungsanliegen eng zusammen. Gen- und Datenbanken wachsen schnell und benötigtes Biomaterial wird – nicht zuletzt aufgrund der intensivierten interdisziplinären Kommunikation – zeitnah zur Verfügung gestellt. Ein Forschungsgebiet der Holsteiner Wissenschaftler sind zum Beispiel genetische Erkrankungen, bei denen der TNF-α-Rezeptor modifiziert ist. Dabei handelt es sich um ein Krankheitsbild, über das noch relativ wenig bekannt ist (TRAP-Syndrom). Betroffene haben regelmäßig Fieber ohne infektiösen Auslöser. Zwar sind einige der genetischen Abweichung für dieses Symptom bekannt, es stellt sich aber die Frage, warum die Erkrankungen so unterschiedlich verlaufen und welchen Einfluss andere genetische Faktoren haben. In Schleswig-Holstein sind derzeit zehn Familien mit dieser Genmutation bekannt. „Auf dieser Basis könnte nun weiter geforscht werden, um mehr über den veränderten Rezeptor zu erfahren. Für Zellbiologen wäre interessant, wie sich die Makrophagen, also die Fresszellen des Immunsystems, bei dem Krankheitsbild verhalten“, erläutert Johann Schröder weiterführende Forschungsansätze. Um die Grundlagenforschung am Immunsystem voranzubringen, haben die Berliner Wissenschaftler die Idee entwickelt, ein Zentrum für Immun-Intervention ins Leben zu rufen, in dem Forschungsinstitute wie das Deutsche Rheuma-Forschungszentrum und weitere Leibniz-Institute einbezogen werden. Denn entzündliche Prozesse sind eng mit Defekten im Immunsystem des Menschen verzahnt. Im Bereich der klinischen Forschung sieht Martin Zeitz das Berliner Entzündungszentrum wie einen Kristallisationspunkt: „Wir haben vier Sonder-forschungsbereiche, die sich mit Grundlagenwissen über Entzündungen beschäftigen und deren Ergebnisse über die enge Kooperation direkt in die klinische Anwendung fließen können.“ Dies sind gute Voraussetzungen, auch klinische Studien für neu entwickelte Wirkstoffe durchzuführen.

 

 

Neue Wege in der Versorgung

 

Mit der Einführung spezialisierter und gleichzeitig krankheitsübergreifender medizinischer Zentralen wie den Entzündungszentren entstehen neue Strukturen in der deutschen Forschungs- und vor allem Versorgungslandschaft. Zweifelsohne ist der Weg in eine ganzheitlichere Betrachtung verwandter Symptome zukunftsweisend und wird von Krankenkassen unterstützt. Er basiert auf einem „Stufenkonzept“, das sich an der Komplexität der Krankheitsbefunde orientiert. Eine Stufe bleibt dabei der enge Kontakt des Patienten mit seinem behandelnden niedergelassenen Arzt. Erweitert wird diese Ebene durch die Entzündungszentren, in denen Betroffene – je nach individueller Symptomentwicklung – von Zeit zu Zeit einen interdisziplinären Gesundheitscheck durchführen lassen sollten. Insbesondere bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen und der langfristigen Gabe von Immunsuppressiva werden in dieser interdisziplinären Untersuchung beispielsweise Infektiologen hinzugezogen, damit das vermehrt beobachtete plötzliche Auftreten infektiöser Erkrankungen unter Immunsuppression beobachtet und umgehend behandelt werden kann. Dies ist nur ein Beispiel für die sinnvolle Vernetzung medizinischer Experten bei chronisch-entzündlichen Krankheiten.

 

 

 

 

 

Nina Freimann, 24.09.2009