Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie e.V.
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Chikungunya ante portas

aedes albopictus (Quelle: wikipedia.de)

 

Tropenkrankheit in Europa?

 

Chikungunya ist ein Begriff aus der afrikanischen Bantu-Sprache. Er bedeutet „was den Mann krumm macht“ und ist bezeichnend für das Erscheinungsbild der Krankheit. Denn die Virus-Infektion führt zu heftigen Muskel- und Gelenkbeschwerden, die Betroffenen krümmen sich oft vor Schmerzen. Chikungunya hatte über Jahrzehnte ein wenig beachtetes Dasein im Osten Afrikas gefristet. Dank einer kleinen Veränderung seiner selbst und begünstigt durch die Globalisierung und Erwärmung breitete es sich auch auf andere Kontinente aus. Innerhalb kürzester Zeit infizierte sich ein Drittel der Inselvölker im Indischen Ozean. 2007 kam es in Norditalien zur Endemie. Nun steht Chikungunya mit einem Fuß in unserer Tür. Denn der Überträger - die Asiatische Tigermücke - wurde 2008 in Süddeutschland entdeckt. Da fast alle Infizierten Gelenkschmerzen und -entzündungen beklagen, fordert das Virus auch die Aufmerksamkeit der Rheumatologie.

 

 

Serologie ähnlich einer Rheumaerkrankung

 

Nach der Übertragung auf den Menschen vermehrt sich das Virus innerhalb von 48 Stunden und führt bei etwa 85 Prozent der Infizierten zu hohem Fieber. Nahezu jeder symptomatische Patient klagt über Gelenkbeschwerden in den kleinen, distalen Gelenken. Arthritiden und Tenosynovitiden sind häufig. In Untersuchungen an Nagern entdeckte man das Virus im Gelenk und in gelenknahen Strukturen. Dies wird als Erklärung für die lokalen Beschwerden interpretiert. Serologisch zeigt sich eine moderate bis deutliche Akute-Phase-Reaktion mit erhöhten Werten an c-reaktivem Protein und Blutsenkung, mit Anämie und Hypalbuminämie. Ursache ist eine Hochregulation der Interleukine IL-1 und IL-6. Damit kann die Erkrankung kaum von einer frühen rheumatoiden Arthritis unterschieden werden. Kommt es zu einer Thrombozytopenie oder einem seltenen hämorrhagischen Verlauf, wird eine Kollagenose imitiert. Bei Menschen mit bekannter entzündlich-rheumatischer Grunderkrankung wurden meist schwere Schubsituationen nach Chikungunya-Virus-Infektion beschrieben.

 

12 Tage nach den ersten Symptomen ist das Virus üblicherweise nicht mehr im Blut nachzuweisen. Innerhalb dieser Zeit könnte es durch Blutspenden direkt auf andere Menschen übertragen werden. Über 60 Prozent der infizierten schwangeren Frauen geben das Virus im letzten Trimenon an den Fetus weiter. Die Symptomatik dauert bei der Mehrzahl der Betroffenen länger als zwei Monate, bei etwa 20 Prozent über ein halbes Jahr.

 

 

Von Afrika nach Europa – die Route des Chikungunya-Virus

 

Das natürliche Reservoir des Virus in Ostafrika sind Nager. Dort überträgt die tagaktive Ägyptische Mücke (aedes aegypti) das Virus auf den Menschen. Lange Zeit war die Erkrankung in diesem Gebiet endemisch, da das Erregerreservoir der Nager räumlich begrenzt ist. Zudem fliegt die Mücke als Überträger maximal 100 Meter. Die Ursprungsgebiete sind dünn besiedelt und keine Touristenziele. Durch eine Mutation im Genom konnte das Virus auch die Asiatische Tigermücke (aedes albopictus) infizieren. Sie ist weiter verbreitet als die ägyptische Variante und sticht ebenfalls am Tag. Die infizierten Mücken und ihre potentiell infizierten Larven sind gut an die Umwelt angepasst. Sie überleben in kleinen Süßwasserpfützen - zum Beispiel in alten Autoreifen, die selbst in Trockenperioden kleine Mengen Wasser halten.

 

Durch die dichte Besiedlung in den Verbreitungsregionen der Asiatischen Tigermücke überträgt sich das Virus direkt über den Weg Mensch - Mücke - Mensch. Die größere Mobilität der Bewohner sowie der Mücken, die mit Gütern weit transportiert werden, führte zu einer schlagartigen Verbreitung des Virus in der gesamten Region des Indischen Ozeans, z.B. in Reunion und Indien.

 

Reger Tourismus und unzureichender Schutz vor der tagaktiven Mücke führten so in den letzten Jahren zu einer großen Zahl infizierter und erkrankter Urlaubsheimkehrer nach Europa. Parallel brachten Handel und veränderte klimatische Bedingungen die Asiatischen Tigermücken in den Mittelmeerraum.

 

 

 

Abbildung: Ausbreitung Tigermücke im Mittelmeerraum

(Quelle: Scholte E-J and Schaffner F, 2007. Waiting for the tiger: establishment and spread of the Aedes albopictus mosquito in Europe)

 

 

 

Tropenkrankheit in Italien

 

Große Mückenpopulation und infizierte Urlaubsheimkehrer – diese Kombination wäre ideal, damit sich Chikungunya auch in Europa ausbreiten könnte. Und dies geschah 2007 erstmals in Norditalien. In Castiglione erkrankte ein Mann, der zuvor in Indien gewesen ist und sich dort mit dem Chikungunya-Virus infizierte. Die lokalen aedes-Mücken infizierten sich bei dem Mann und übertrugen das Virus wegen ihrer geringen Flugweite auf die Bewohner in direkter Wohnumgebung des Erkrankten. Auf diese Weise infizierten sich 217 Bewohner aus Castiglione innerhalb weniger Wochen, bis zu 11 pro Tag. Nach 10 Wochen gab es aber keine Neuerkrankung mehr, Einwohner weiter entfernter Orte wurden nicht infiziert. Dies erklärt sich durch die örtliche Gebundenheit des Überträgers und zeigt, wie wichtig Mückenschutz und -bekämpfung sind. Aus diesem Grund haben die italienischen Behörden begonnen, die Mücken gezielt zu bekämpfen und die Bevölkerung mit Informationskampagnen zum Mückenschutz zu motivieren

 

   

Ein Risiko für Deutschland?

 

Eine Endemie wäre auch in Südwestdeutschland denkbar, zum Beispiel am Bodensee. Hier finden die aedes-Mücken gute klimatische Bedingungen vor. 2008 tauchten sie erstmals nördlich der Alpen in Rastatt auf. Die Region ist dicht besiedelt, dichter als in Castiglione. Es gibt viele Tagesausflügler aus der weiten Umgebung. Würden sich die Mücken infizieren, zum Beispiel bei einem Urlaubsrückkehrer aus Reunion, gäbe es eine starke Streuung des Virus und hohe Erkrankungszahlen. Die Erkrankung wäre schwer einzudämmen und die medizinische Versorgung der Region diesem - theoretischen - Szenario kaum gewachsen.

 

Die Mückenpopulation ist allerdings noch sehr gering und nimmt durch die aktuell niedrigen Temperaturen eher ab. Im klinischen Alltag wird die Erkrankung deswegen überwiegend bei Urlaubsrückkehrern aus betroffenen Gebieten relevant sein. Mückenschutz ist daher unbedingt empfohlen! Und Rheumatologen sollten auch hierzulande mit der Diagnostik und Differentialdiagnostik, mit Virus- und Antikörpernachweis vertraut sein. Dazu ist eine enge Kooperation der Rheumatologen mit Virologen und Tropenmedizinern essentiell. An der Heinrich Heine-Universität Düsseldorf ist dies bereits etabliert.

 

 

von Dr. Oliver Sander, Dr. Jutta Richter und Prof. Dr. Matthias Schneider, 25.03.2009